„Stolz, ein Australier zu sein“

Zum ersten und wahrscheinlich einzigen Mal nimmt Australien in diesem Jahr offiziell am Eurovision Song Contest teil. Für viele Fans aus Down Under ist es ein ganz besonderes Erlebnis.

Für diesen Augenblick sind Ronny und Luc knapp 17.000 Kilometer von Melbourne nach Wien gereist: Vor ihnen auf der Bühne in der Stadthalle singt ihr Landsmann Guy Sebastian beim größten Musikwettbewerb der Welt. Die tanzbare Popnummer reißt die Arena mit, immer wieder brandet Szenenapplaus auf. Selbst im Greenroom stehen die Füße der der Mitbewerber nicht still. „Ich habe schon ein paar Tränen verdrückt. Zu sehen, dass die musikalische Qualität, die unser Land zu bieten hat, auf einer internationalen Bühne bestehen kann, hat mich stolz gemacht, Australier zu sein“, schwärmt Luc nach dem Auftritt mit immer noch glänzenden Augen und vom Jubeln heiserer Stimme.

Der Australier Guy Sebastian performt "Tonight Again" auf der Eurovisionsbühne in Wien.

Der Australier Guy Sebastian performt „Tonight Again“ auf der Eurovisionsbühne in Wien.

Der Kontinent am anderen Ende der Welt gehört seit mehr als 30 Jahren zur Eurovisionsfamilie – allerdings stellte er bisher eher so etwas wie eine Tante dar, der man gelegentlich eine Postkarte schickt. Der öffentlich-rechtliche Sender SBS überträgt den ESC zeitversetzt auch in „Down Under“, immer wieder schickte Europa in den Shows kleine Grußbotschaften, und im vergangenen Jahr trat eine australische Künstlerin in der Pausenshow auf. Nun, zum 60. Song Contest, hat Europa die Tante endlich auch an die große Festtafel eingeladen.

Als er davon hörte, war Luc zuerst skeptisch. „Wir sind noch nicht einmal Europäer! Doch als einmalige Sache unter dem Motto „Building Bridges“ – nicht nur innerhalb Europas, sondern auch in die Welt – finde ich es fantastisch.“ Zu Hause sei das ESC-Fieber noch einmal angestiegen, berichtet Ronny: „Die Freunde, die nicht so große Fans sind, kommen sonst abends zu unseren Eurovision-Partys und stimmen mit ab. Aber jetzt stehen sie morgens um fünf Uhr auf und schauen die Sendungen live. Sogar die, die eigentlich nur trinken und über die Beiträge lachen wollen, erzählen uns von ihren Favoriten und sind richtig engagiert. Es gibt der Show noch einmal einen neuen Schub.“

Denn trotz aller Begeisterung und guter Einschaltquoten weiß nicht jeder in Australien, dass es den Eurovision Song Contest überhaupt gibt. Die Presse berichtete bislang wenig – und dann auch eher über die skurrilen und extremen Beiträge. In diesem Jahr ist die Aufmerksamkeit größer, die Leute freuen sich über die Teilnahme. Auch Wien empfängt die weit gereisten Gäste herzlich: „Alle drehen durch, wenn sie uns sehen. Wir sind etwas Außergewöhnliches“, freut sich Ronny. „Erst haben wir uns nicht getraut, unsere Flagge mitzubringen, weil wir ein wenig Angst hatten, dass Europa uns nicht gut aufnimmt. Wir hatten keine Ahnung, was hier auf uns zukommt und wollten einfach alle anderen Nationen anfeuern.“ Ursprünglich wollten die beiden sich nur abends die Shows vor Ort anschauen und tagsüber Land und Leute erkunden. „Und nun ist jeder Tag damit verplant, die wundervollen Menschen wiederzusehen, die wir hier getroffen haben. Das haben wir nicht erwartet“, wundert sich Luc auf dem Weg zum EuroFanCafé, dem eigentlichen Herzen der Wettbewerbswoche.

Hier kommen jeden Abend hunderte ESC-Freunde zusammen, die zu Beiträgen aus sämtlichen Dekaden tanzen und über ihr Lieblingsthema diskutieren. Einige haben sich bunt geschminkt, verkleidet oder tragen bettdeckengroße Flaggen um die Schultern. Aus den Lautsprechern dröhnen serbische Klänge zu Eurodance-Beats. Obwohl die wenigsten hier die Sprache sprechen, singt die Menge auf der Tanzfläche textsicher und euphorisch mit. Die Offenheit und Hingabe der Fanszene begeistern auch Marcus Davey, der ebenfalls aus Melbourne stammt: „Wir mögen alle verschiedene Kulturen, Religionen oder Nationalitäten haben, für diesen Wettbewerb kommen alle zusammen, malen sich die Flaggen anderer Länder ins Gesicht und feiern die Musik.“ Der Pilot kümmert sich während der Wettbewerbswoche um die Mitglieder des Fanklubs „OGAE Rest of the World“.

Von den etwa 400 ESC-Enthusiasten aus allen Erdteilen, die nicht am Contest teilnehmen, sind etwa 100 nach Wien gereist. Eines der Mitglieder ist extra aus Mexiko eingeflogen. „Er ist das allererste Mal dabei. Ich begleitete ihn in die  Arena und konnte in seinen leuchtenden Augen sehen, wie sehr ihn die große Bühne überwältigte“, berichtet Marcus gerührt. Für die Rundfunkanstalten stellen die Fanklubs wichtige Ansprechpartner dar, weil sie für die gute Stimmung während der Shows sorgen. Dafür bekommen sie ein Kontingent an Karten. „Allerdings sind wir kein Ticketbüro“, stellt Marcus klar. „Es geht um viel mehr als das. Wir lieben dieses Ereignis wirklich. Klar, unsere Jobs und unser Leben kommen an erster Stelle. Aber wenn man die Reise hierher planen kann, dann sollte man sich auch die Zeit nehmen, etwas für den Klub zu tun. Es reicht schon, einfach nur einen Kommentar unter einem Artikel auf unserer Website zu schreiben.“

Der australische Teilnehmer Guy Sebastian landet am Ende auf dem fünften Platz. Bei einem Sieg hätte Australien auch im kommenden Jahr einen Beitrag zum Wettbewerb schicken dürfen. Trotzdem überwiegt bei Luc und Ronny die Zufriedenheit: „Wir durften mitmachen. Jetzt können wir die Show weiter wie vorher genießen und uns immer an diesen großartigen Moment erinnern.“