Reality-TV mit Bildungsauftrag

Das norwegische Fernsehen sperrt acht junge Menschen acht Tage lang in einer virtuellen Diktatur ein und will damit die Beteiligung an der kommenden Kommunalwahl erhöhen.

In der Ecke des kahlen Raumes liegt eine alte Matratze. Mit einer dünnen Bettdecke in der Hand hebt die junge Frau die Matratze hoch und kreischt hysterisch, weil sich darunter eine Spinne versteckt hat. Sie tippelt vor Ekel auf der Stelle. Dann bricht der Clip bricht ab. Mit kurzen YouTube-Videos wie diesem wirbt das norwegische Fernsehen (NRK) seit einigen Wochen für ein Reality-Format, das am vergangenen Montag (24.8.) seine Premiere (nur in Norwegen abrufbar) feierte.

Mut zum Unvorhersehbaren

Im April steckte der Sender acht junge Menschen für acht Tage in eine ehemalige Schule bei Oslo. In dieser Zeit lebten sie in der „Diktatur“, so der Name des Programms. Ohne Zugang zur Außenwelt, ohne Tageslicht und Zeitgefühl, jederzeit den willkürlichen Entscheidungen eines unsichtbaren Regimes ausgesetzt. Tagsüber mussten die Teilnehmer Tausende Büroklammern mit einer Pinzette sortieren.

Gleich zu Beginn stand die Entscheidung für fünf essentielle Dinge – und gegen viele andere Dinge des Alltags: Ist die Zahnbürste wichtiger als Toilettenpapier? Behält man lieber Kosmetikartikel oder die Brille für den sehschwachen Mitstreiter? Nach der demokratischen Abstimmung wurden alle anderen Dinge aus dem Haus entfernt.

Rechte, die die jungen Menschen für selbstverständlich hielten, galten nicht. Sobald ein Signal ertönte, herrschte Ausgangssperre – wie lange diese andauerte, wusste nur der „Dikator“. Jederzeit konnten die Teilnehmer das Experiment abbrechen und das Haus verlassen. Zu gewinnen gab es eine Reise im Wert von 100.000 Kronen – doch wie man die gewinnt, wurde nicht verraten.

NRK-Programmentwicklerin Åse Marie Bendiksen ist sich bewusst, dass das Programm an die Grenzen geht. Wo andere Reality-Programme sich in wiedererkennbaren Arenen wie alten Bauernhöfen oder Luxushotels im Süden abspielten, hätten die Teilnehmer sich hier für ein Setting entschieden, das für die norwegische Jugend komplett unbekannt sei: „Es braucht viel Mut, sich in etwas so Unvorhersehbares zu begeben, das man überhaupt nicht beeinflussen kann,“ sagt sie P3.no. Alle Kandidaten wurden nach Angaben des Senders daher auch vor Beginn des Experiments sorgfältig psychologisch untersucht und auch hinterher intensiv weiter betreut.

Neues Bewusstsein für „demokratieverwöhnte“ Norweger

Eine Teilnehmerin der Reality-Show "Diktaturet"

Der unsichtbare Führer kann die Teilnehmer der Show „Diktaturet“ auch zur Einzelhaft verdammen. (Foto: Screenshot YouTube)

Das Konzept erinnert an berüchtigte Sozialexperimente wie das Milgram-Experiment oder die Stanford-Gefängnisstudie. Doch „Diktaturet“ hat nicht die Absicht, die Abgründe der Menschheit zur Schau zu stellen. Håkon Moslet, Programmchef des Jugendradios P3, ist überzeugt, dass „Diktaturet“ einen wichtigen Auftrag hat. Das extreme Reality-Konzept solle die „demokratieverwöhnten“ jungen Norweger für politisches Engagement begeistern und ihr Interesse für die kommenden Kommunalwahlen wecken. „Wir nehmen die Freiheit als selbstverständlich hin,“ sagt er auf der Website des Senders.

Es sei ein wenig deprimierend, wie wenig junge Leute ihr Stimmrecht nutzen. Gleichzeitig wisse man, dass Menschen in anderen Situationen alles Mögliche für dieses Recht getan haben und immer noch tun. Er hoffe, dass die Sendung zu einem Bewusstsein beitragen könne. Der Tageszeitung Dagbladet erklärt Moslet, dass die Alternative zur Demokratie eben nur die Diktatur sei. ”Wir wollen diese Alternative in dieser Serie zeigen. Das Reality-Genre ist ein Format, das unsere Zielgruppe erreicht.”

Und diese Zielgruppe soll nicht nur unterhalten werden: Neben Einspielern, die die Geschehnisse in der TV-Diktatur mit Beispielen aus dem echten Leben erklärt, begleitet P3 das Programm umfangreich auf seiner Website.

Engagement statt Leben in der Blase

Zumindest eine der Teilnehmerinnen hat „Diktaturet“ nachdenklich gemacht. Die Bloggerin Mia Valentina sagt gegenüber NRK nach dem Experiment, dass die Show auf viele Arten ihre Augen geöffnet hat: ”Ich habe Lust, mich mehr politisch zu engagieren, und nicht nur die ganze Zeit in meiner eigenen Blase zu leben.“

Bereits im vergangenen Jahr lief das Programm bereits im kleinen schwedischen Bildungskanal UR. Ob „Diktatorn“ den erwarteten Effekt hatte, ist nicht zu belegen. Immerhin: Die Beteiligung an der Parlamentswahl hat sich gegenüber 2010 um knappe 1,18 Prozentpunkte erhöht.