Kent kündigt Abschied an: Die Party endet zum richtigen Zeitpunkt

Skandinaviens größte Rockband löst sich nach 26 Jahren auf. Mit einem Totentanz-Video läutete Kent am Sonntag den Abschied ein. Nach zwei Minuten, 53 Sekunden und dem Schlussbild „16 maj 1990 – 17 december 2016“ ist klar: Nur das Album „Då Som Nu För Alltid kommt noch, eine unvermeidliche Best-Of-Platte und schließlich die Abschiedstournee quer durch den Norden. Am 17. Dezember soll das Beerdigungskonzert in der Stockholmer Tele2-Arena steigen.

„Wir haben immer versucht, unsere eigenen Wege zu gehen“, erklärt die Band auf ihrer Homepage und bedankt sich bei allen, die sie über die Jahre begleitet haben. „Es ging immer um Herausforderungen, um Gänsehaut und darum, auf dem Weg eine möglichst tolle Zeit zu haben.“

Kent haben ihr Publikum in der Tat herausgefordert. Nicht nur mit lärmenden Gitarren in der Anfangsphase oder dem Wechsel zu immer elektronischeren Klängen irgendwo zwischen New Order und U2 zuletzt. Die Band hielt der schwedischen Gesellschaft immer auch den Spiegel vor: Hinter der glatten Oberfläche des ewig lächelnden Ikea-Landes, abseits der Plastikwelt des Melodifestivalen-Schlagers zeigte sie die Schwächen des sozialdemokratischen Wohlfühlbaukastens aus Gleichmacherei, Konfektionismus und Wahrung des äußeren Scheins auf und erreichte im Land, in dem Mittelmaß am besten ist, ein immer größeres Publikum, das nicht wie „die Anderen“ sein wollte. Zweieinhalb Jahrzehnte lang sprachen die vier Jungs aus Eskilstuna die existenziellen Ängste einer Gesellschaft auf der Suche nach ihrer Identität im Strudel der Globalisierung aus, musikalisch immer auf der Höhe der Zeit – auch wenn das den Indie-Fans der ersten Stunde nicht immer gefallen hat.

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Kentfest på Gärdet, Stockholm, 15. Juni 2014 (Foto: Michael Zimmermann)

„Diesmal wollen wir untersuchen, was passiert, wenn wir das zum letzten Mal machen. Welche Gefühle kommen zum Vorschein? Schließlich dreht sich alles um Gefühl“, heißt es in der Abschiedserklärung. Als wären die Gefühle, die ihre Songs in den Jahren ausgelöst haben, nicht schon genug – von der beißenden Zeitgeistabrechnung „La belle epoque“ über die Lebensbilanz „999“, der Entfremdungsballade „Pärlor“ bis hin zur rührendsten Liebes-, oder Abhängigkeitserklärung der jüngeren Musikgeschichte, „Utan dina andetag“ (auch wenn es inzwischen teilweise als moderner Hochzeitsmarsch verlacht wird), verbanden Texte und Melodien in Kombination den Kopf mit dem Herzen – und den Füßen. Mehr als Mitsing- oder Tanzmusik, mehr als reine Schnulze oder übermütige Wut. Ein bisschen Pathos, ein bisschen Trotz, auch ein bisschen Gefälligkeit und viel Ehrlichkeit machten Kent zum Stadion-Act von Helsinki bis Kopenhagen – überall dort, wo die schwedischen Texte verstanden werden konnten. Der Ausflug ins Englische mit den Alben „Isola“ und „Hagnesta Hill“ kann mit Fug und Recht als Misserfolg bezeichnet werden – zu schlecht ließ sich die poetische Präzision der Texte in eine andere Sprache retten.

„Wir machen nicht Schluss, weil uns zusammen langweilig geworden ist, oder weil wir nicht mehr länger wollen. Das hier wird das Ende, weil alle vergangenen und zukünftigen Feste einen Abschied in sich tragen.“

Wie bei The Ark 2011 wird jetzt auch das Ende von Kent eine Lücke in meinem musikalischen Herzen hinterlassen – und ebenso scheint auch hier das kreative Potential ausgeschöpft. Mit Sicherheit wären noch viele Jahre solide Produktionen zu erwarten gewesen – allerdings auch immer weniger Höhepunkte. Seit gut 13 Jahren begleitet mich die Musik der Band, das ist ja schon ein ziemlich langes Fest. Zu dem Zeitpunkt, 2003 also, war sie schon lange kein Indie-Geheimtipp mehr in der skandinavischen Musiklandschaft. Vom ersten Moment an reizten mich die bis an die Grenze der Arroganz selbstbewusste, aber gleichzeitig so einnehmende und verletzlich klingende Stimme von Jocke Berg und die anspornend-melancholischen Kompositionen. Nicht alles, was auf den bisher elf Studioalben erschien, gefiel mir – zwischendurch hätte ich es überhaupt nicht gemerkt, wenn sie sich den ewigen Gerüchten entsprechend damals schon aufgelöst hätten. Doch zwischendurch, immer, wenn ich es gar nicht mehr erwartete, tauchte da auf einmal ein kleines Meisterwerk auf und erinnerte mich daran, dass diese Gruppe aus dem kleinen Ort mitten in Schweden immer noch in der Lage ist, ansprechende Musik zu produzieren. Es sollte bis 2014 dauern, bis ich die Band auf einem der drei Eintagesfestivals namens „Kentfest“ auch live erleben konnte.

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Kentfest på Gärdet, Stockholm, 15. Juni 2014 (Foto: Michael Zimmermann)

Auf jenem Konzert in der Stockholmer Mittsommerdämmerung wie auch auf den Alben „Jag är inte rädd mörket“ und „Tigerdrottningen“ trotzten jedoch einige wenige Ausbrüche der Genialität der beinahe schon schlageresken Pflege des mitgealterten Publikums, das sich vom Jugendzimmer in der Provinz inzwischen in den Eigentumswohnungen am Stockholmer Stadtrand etabliert hatte. Der Entschluss, nun die Beerdigungsfeierlichkeiten einzuläuten, wird auch aus diesem Grund gewachsen sein. Zu unkonstant, ja, auch uninspiriert, zeigte sich die schöpferische Energie inzwischen, zu ikonisiert und routiniert schienen die Mitglieder der Band bisweilen in ihrem eigenen Denkmal zu erstarren – bevor man nur noch die Wahl zwischen etlichen Nostalgiekonzerten und alljährlichen Auftritten bei „Allsang på Skansen“ (einer skurrilen Art „Fernsehgarten“) hat, setzt man dem Verfall lieber selbstbestimmt ein Ende. Sie bleiben eines der wichtigsten Phänomene der neuzeitlichen schwedischen Kultur.

Bereits in den vergangenen Jahren suchten sich die einzelnen Bandmitglieder immer wieder andere kreative Spielfelder: Jocke Berg schrieb für viele schwedische Künstler, kooperierte mit Avicii und dem Hitproduzenten Max Martin (unter anderem für Ellie Goulding) – ein Stück dieser gewaltigen Schaffenskraft wird also in neuen Projekten aufgehen, mit neuem Elan.

Wie in jedem Abschied liegt also in den folgenden neun Monaten auch die Vorfreude auf die Geburt von etwas Neuem. Ohne Ballast könnten Kent nun noch einmal zeigen, warum sie zurecht den Geist von mehr als einer Generation geprägt haben. Die erste Single „Egoist“ führt „La Belle Époque“ inhaltlich weiter: Der Song leitet aus der aktuellen politischen Entwicklung die düstere Vision glühender Bücherhaufen, brennender Kreuze und Hass, der gesellschaftsfähig wird, ab. Der Boden für neuen Terrorismus und neuen Egoismus ist darin bereitet. Das Gegenmittel dafür könne nur sein, „noch ein kleines bisschen freundlicher zu sein“, um „niemals so wie ihr“ zu werden. Und im Refrain wird schon beinahe übermütig resigniert festgestellt, man solle das Leben leben und nicht alles für selbstverständlich halten. Ich freue mich auf dieses letzte Aufbäumen.

„Wir sind eine Familie. Für die Familie geben wir alles. Wir vier werden Kent sein. Damals wie heute für immer“, schließt der Abschiedsbrief ab. Und dafür bin ich dankbar. Für immer.

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Kentfest på Gärdet, Stockholm, 15. Juni 2014 (Foto: Michael Zimmermann)